Kavaliersdelikt Ladendiebstahl?
Von der Mutprobe bis zur gewerblichen kriminellen Organisation ist Ladendiebstahl im Einzelhandel allgegenwärtig. Wenn auch nicht in vergleichbaren Ausmaßen wie zum Beispiel in Baumärkten oder Drogeriemärkten, ist das Thema auch in Trafiken durchaus präsent.
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Mehr als 600 Millionen Euro beträgt der Schaden, den Österreichs Einzelhandel jährlich durch Ladendiebstahl davonträgt – das entspricht rund 1 Prozent des Gesamtumsatzes. Das lässt sich auf praktisch alle Branchen skalieren, man kann sich also ausrechnen, mit wieviel Schwund durch Ladendiebe eine Trafik jedes Jahr rechnen muss.
Im Kopf der Langfinger
Die Trafikantenzeitung hat sich für genauere Insights mit Christian Letz, Geschäftsführer von Surveycontrol, einem auf Marktforschung und Mystery Shopping spezialisierten Unternehmen unterhalten. Auch wenn Mystery Shopping in Trafiken, ausgenommen die Kontrollen durch die AGES bzw. verdeckte Überpüfungen durch Monopolverwaltung oder Österreichische Lotterien, eher selten ist, gibt es Parallelen zum restlichen Einzelhandel. Vor allem die Motive und ein gewisses „Täterprofil“ kann man überall beobachten.
In Handelssegmenten, wo es viele wertmäßig sehr kostbare Artikel abzustauben gibt, ist ein kleiner, aber signifikanter Anteil von organisierten Profis durchaus ein Problem: Baumärkte, Sportartikelhändler, Juweliere oder Parfümerien haben den Schwund in den Filialen zu 5 bis 7 Prozent gewerbsmäßigen DIeben zu tun. Im Lebensmitteleinzelhandel und eben auch in den Trafiken hingegen sind fast nur „Amateure“ am Werk. Studien legen nahe, dass der Großteil der Ladendiebstähle zu 85 Prozent Impulshandlungen ohne Vorsatz stattfindet. Nervenkitzel, Mutprobe oder in seltenen Fällen auch eine seelische Störung wie Kleptomanie sind die Hauptursachen für den Griff zur Ware, ohne zu bezahlen.
Geringer Wert, große Zores
Gerade bei den in den Trafiken offen präsentierten und somit leicht zu erbeutenden Waren handelt es sich durchwegs um Waren deutlich unterhalb der von Gesetz mit etwas schwammig definierten Bagatellgrenze von 100 Euro. Was nicht heißt, dass ein unbeobachteter Moment sich nicht für den Dieb lohnen könnte: gerade die oft leicht erreichbaren Spender für Brieflose können für den Schmalspur-Ganoven unter Umständen einen echten „Glücksgriff“ bedeuten.
Eine entwendete Dose Pouches, eine Glückwunschkarte oder eben ein Lotterielos mögen jetzt im Einzelfall wertmäßig einen vernachlässigbaren Faktor darstellen, in Summe kann das aber übers Jahr gesehen schon spürbare Einbußen bedeuten. Vor allem aber der Mehraufwand bei abweichenden Beständen bei der Inventur geht zu Lasten der Zeit der Trafikant*innen. Unangenehm.
In flagranti erwischt – Was nun?
Apropos Unangenehm. Eine denkbar schwierige Situation stellt sich dar, wenn man als Trafikant*in einen Ladendiebstahl beobachtet. Wie reagiert man da? Wie so oft lautet das Zauberwort De-Eskalation. Großer Bahnhof mit „Haltet den Dieb!“, Zusperren der Trafik oder gar Festhalten sind denkbar ungeeignete Methoden, auf einen versuchten Diebstahl zu reagieren. Oftmals provoziert man damit eine Panikreaktion, die unabsehbare Folgen hat. Besser: den Kunden ansprechen, ohne irgendeine Art der kriminellen Handlung zu unterstellen. Also ein freundliches „Kann ich Ihnen helfen?“ oder „Soll ich Ihnen das einpacken“ signalisiert dem/der Ertappten, dass die Handlung beobachtet wurde, lässt aber noch ein elegantes Schlupfloch, um den versuchten Diebstahl wie ein Missverständnis aussehen zu lassen.
Selbst bei einem tatsächlich erfolgten Diebstahl (gilt erst als solcher, wenn das Geschäft mit der Ware ohne zu bezahlen verlassen wurde) lohnt es sich nur in den allerseltensten Fällen, die Polizei zu alarnieren. Denn aufgrund der schon erwähnten Bagatellgrenze und dem meist ohne Vorsatz erfolgten Diebstahl fehlt der Exekutive hier die Grundlage, eine Anzeige zu erstatten.
Vorbeugung
Völlig verhindern kann man es natürlich nie, dass ein übermütiger Jugendlicher oder eine gelangweilte Hausfrau aus reinem Nervenkitzel aus einem irrationalen Impuls heraus etwas mitgehen lässt. Aber man kann durch simple Maßnahmen signalisieren, dass man als Kund*in in der Trafik unter Beobachtung ist und das Risiko einer peinlichen Bloßstellung (in der Praxis riskiert ein Ladendieb kaum mehr) sich nicht lohnt. Zuallererst sollte man sich nicht darauf verlassen, dass Kameras eine abschreckende Wirkung haben. Der Aufwand, wenn auch wertvoll bei der Aufklärungf von Einbrüchen oder Raubüberfällen, zur Abschreckung oder Ausforschung von Ladendienben, steht in keinem Verhältnis. Ganz abgesehen von den komplexen Richtlinien der DSGVO, die somit auch einzuhalten sind.
Vielmehr sind es Aufmerksamkeit und Vorsicht bei Routinetätigkeiten, die das Risiko minimieren. Den schon erwähnten Behälter für Brieflose nicht leicht erreichbar platzieren. Vitrinen, beispielsweise für Feuerzeuge, nicht unversperrt lassen. Eine besonders wirksame und einfache Maßnahme, um versuchte Ladendiebstähle schon im Keim zu ersticken, sind nach Erkenntnis von Christian Letz Spiegel. Gut sichtbar angebrachte Spiegel, z.B. Konvexspiegel in unübersichtlichen Ecker oder „Rückspiegel“, wenn man den Kund*innen den Rücken zudrehen muss, machen dem geneigten Langfinger klar: „Ich sehe dich“. Und schon schwindet der Mut, einen Artikel mitgehen zu lassen. Der Vorteil: Spiegel sind günstig, erfordern keine DSGVO-Mühsal und funktionieren immer.
Ich will es wissen
Als Trafikant*in ist man die verdeckten Kontrollen durch Monopolverwaltung, Lotterien und AGES ja gewohnt und es bietet sich selten eine Angriffsfläche. Vor allem findet diese Art des Mystery Shoppings im Auftrag der jeweiligen Stellen statt und dreht sich primär um Jugendschutz und korrekte Produktauszeichnung, jedoch nicht um etwaige Schwierigkeiten mit Kleinstkriminellen. Sollte sich der Schwund durch unbemerkte Entwendungen jedoch empfindlich bemerkbar machen, hat man als Trafikant*in durchaus die Möglichkeit, das eigene Geschäft auf Schwachstellen punkto Diebstahl abzuklopfen.
Christian Letz skizziert ein Mystery Shopping zum Thema Ladendiebstahl in der Trafi, wie folgt: „Wir suchen je nach sich darstellender Situation aus unserem Panel von rund 10.000 Testern geeignete Personen aus, die sich die Trafik vornehmen. Standardmäßig werden dann drei Testdiebstähle im Lauf einer Woche beauftragt. Uhrzeit, Wochentag und Profil der Tester*in werden variiert, auf Wunsch kann auf eine bestimmte Warengruppe fokussiert werden. Im Nachgang kommt es dann, je nach Ausgang des Mystery Shoppings, zu einem rund einstündigen Debriefing, in dem die Vorgänge gemeinsam genau analysiert und mögliche Verbesserungen von Schwachstellen vorgeschlagen werden. Die Kosten dafür sind mit wenigen hundert Euro auch sehr überschaubar.“